Erfurt - Stadt der Türme & Brücken

Es heisst: "Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance!". Nachdem ich nun das zweite Mal mit Freunden in Thüringen's schöner Landeshauptstadt war und wieder begeistert die Stadt nach einem Wochenende verlassen musste, sage ich: " Die zweite Chance hat den ersten Einruck noch verbessert!". Der erste Einruck entsteht in Millisekunden und ist zu einem Drittel von der "Stimme" abhängig - also von Tonfall, Betonung und Artikulation. Erfurt's Tonfall ist einzigartig, die Betonung liegt auf dem Gesamteindruck der historischen Bauten, der Geschichte/-n und des alltäglichen Lebens und die Artikulation wird durch seine freundlichen und aufgeschlossenen Menschen geprägt.

Brücken verbinden, Türme lassen weit in das Land und über die Stadtgrenzen hinwegschauen. Und so fühlt sich Erfurt auch an. Der kleine Walkstrom Gera durchfliesst es gelassen und ohne große Untiefen, der Begriff "Kleinvenedig" deutet darauf hin, dass die Stadt in ihrer geschichtlichen Entwicklung Parallelen zur mächtigen Serenissima ziehen könnte, der große Reformator Martin Luther lebte hier im Kloster und wurde zum Mönch geweiht, während eine der bedeutendsten jüdischen Gemeinden in Europa Erfurt's Reichtum mehrte. Unter Napoleon wurde das Savoir vivre 7 Jahre lang zur prägende Maxime. Danach lagen 35.000 Preussen, Russen und Österreicher vor den Toren der Stadt, um diese wieder von Napoleon zu befreien. Über die seit unzähligen Jahrunderten bestehende VIA REGIA als privilegierte Ost-West-Handelsstrasse und u.a. durch das Niederlags- und Stapelrecht sowie das kaiserliche Messeprivileg aus dem Jahr 1331 wurde Erfurt zum Sammelpunkt von Kulturen, Nationen und Einflüssen aus ganz Europa und der Welt. Dieser kurze Abriss kratzt nur an der Geschichte Erfurt's - wer sich dafür interessiert, findet Wissenswertes auf der Website der Stadt.

 

Heute ist die Landeshauptstadt eine Stadt, in der die Gegenwart in der Vergangenheit pulsiert, die traditionsreich modern und selbstbewusst ist und antike Handelwege in aktuelle Infrastruktur umwandelt. Sie liegt perfekt im Herzen Deutschlands und ich kann sagen: mein Herz hat sie im Sturm erobert. Schneller, als die riesige Allieerten-Armee nach der Völkerschlacht zum Petersberg gelangte!

Was wollen die Tourist als Erstes sehen? Die berühmte Krämerbrücke und den Erfurter Dom & die St. Severi-Kirche! Erstere ist meistens voller Menschen, die sich hinter historisch kostümierten Stadtführern oder Reiseleitern mit Schirmen & Fähnchen entlang der pittoresken Kulisse die Kopfsteinpflasterstrasse auf der inneren Brücke hinaufdrängen. Steht man aber einmal während seines Erfurt-Besuches gegen 07:00 Uhr auf, dann erlebt man die Brücke menschenleer. Und hat das Gefühl, das Mittelalter gehört einem ganz alleine...

Wenn man den berühmten "Eiskrämer" am einen Ende der Krämerbrücke passiert, laüft man in den Torbogen, der rechts den Eingang zur Ägidienkirche gestattet und sich dann zum Wenigemarkt öffnet. Von der Aussichtsplattform der Ägidienkirche, zu der man 129 Holzstufen empor klettern muss, bietet sich der Rundblick über Erfurt. Türme & Brücken liegen dem Betrachter zu Füßen. Der Erfurter Dom und die Severinkirche streifen den Horizont und man bekommt eine Ahnung vom Thüringer Umland. Ruhig trauen - trotz meiner Höhenangst war es "erhebend"!

Auf der linken Seite des Torbogens weisen zwei Stühle und ein Tisch auf den Eingang zum Cafè und Restaurant "Nüsslein" hin, welches erst den Anfang von einer Reihe Restaurants auf dem Wenigemarkt bildet. Dieser öffnet sich in Richtung des "Kaisersaals" und in Richtung Rathausbrücke bzw. Kürschnerstrasse/Junkersand entlang der Gera.

Auf dem Wenigemarkt sitzt und speist man sicher überall gut. Aber mein Tip ist das "Drogerie Bistro". Ich habe dort DAS Carpaccio meines Lebens gegessen und kann es Jedem nur an's Herz legen, der "rohes Fleisch" mag! Die Einrichtung des Bistro's ist sehenswert und der Service an Erfurt-Besuchern interessiert und sehr freundlich.

Lässt man sich als Frau von der Boutique INSULA Free Size links des Marktes nicht aufhalten (und ich warne, dass es allen Schuh- und Shoppingsüchtigen so gehen wird!), bleibt nicht am Papageienkuchen oder den unglaublich leckeren Sorten des Angebotes  des Caféhaus Spiegler "kleben", so läuft man am "Übersee" vorbei in Richtung Junkersand. Entlang der Gera reihen sich dort malerische Häuser mit Terrassen zum Wasser aneinander. In der Gera selbst schipperten vor 2 Jahren zur Freude der kleinen KIKA-Gucker noch Käpt'n Blaubär & Hein Blöd auf ihrem Kahn herum. Banausen sorgten dafür, dass ich den Mädels, mit denen ich mich in Erfurt getroffen habe, diese Beiden nicht mehr zeigen konnte. Traurig, welche Gedanken zu so einer Tat führen!

Trotzdem hat Erfurt am Junkensand unterstromig zur Schlösserbrücke neben dem Breuninger ein ganz tolles Bild mit den "Schwimmenden Gärten" der Gera umgesetzt. Wir fanden die Idee alle reizend!

Vorbei am Wehr der Schlössermühle, dem Restaurant "Mathilda" in der Barfüsserstrasse und der Cado-Boutique mit einer unwahrscheinlich netten Beratung gelangten wir zum Anger am Angerbrunnen, der großen Hauptstrasse, entlang der man alle Strassenbahnanschlüsse, viele Strassencafé's und Restaurants sowie manche Einkaufsmöglichkeit findet.

Biegt man am Angerbrunnen - wie wir - nach rechts ab, dann kann man das Haus "Haus zum ersten Schweinskopf" und die Kirche St. Wigbert bewundern. Richtig gehört - das Haus hat einen ungewöhnlichen Namen! Es gibt in Erfurt Häuser mit klangvollen Bezeichnungen wie "Haus zum Osterlamm", "Haus zum Schwarzen Mohren", "Haus zum Grünen Sittich und Gekrönten Hecht", "Haus zum ersten Schweinskopf" oder "Haus zum Großen Paradies und Esel". Diese Namen sind quasi Vorläufer der heutigen Hausnummern und die damaligen Postboten mussten ein gutes Gedächtnis haben oder die Platte an der Hauswand auch lesen können!

Die Thüringische Staatskanzlei an der Fassade streifend, bogen wir - schon etwas fusslahm - am Kabarett "Die Puffbohne" in Richtung Lange Brücke ab. Auch während dieser Teilstrecke bescherte die Gera uns wieder wundervolle Eindrücke. Ob das malerisch am Fischersand gelegene Restaurant Pier 37 oder der Blick zu einer der alten hölzernen Verbindungsbrücken zwischen den Häusern - die Gera begegnete uns immer wieder mit leisem Rauschen und langen, im Wasser wie die Haare der Lorelei wogenden, schmalen Algenarmen, die eine eigene Art von Ballett aufzuführen schienen. Die am Brückengeländer eingehakten Schlösser symbolisieren auch in Erfurt das Versprechen "ewiger Liebe" - vielleicht für die eigne Stadt?

Die Lange Brücke führt den Erfurt-Touristen entweder vorbei an der Pension am Dom in die Stunzengasse oder durch die Kettenstrasse zum Domplatz.Der riesige Vorplatz des Doms öffnet die Perspektive des Auges für die monumentalen Sakralbauten am Ende der langen Treppe des Dombergs, weit über dem Menschen thronend. Hier findet jedes Jahr das Open-Air-Spektakel vor dem Mariendom, die "Domstufen-Festspiele" statt. Tausende Menschen besuchen dieses Event und die Erfurter Hotel's sind Monate, wenn nicht gar Jahre im Voraus ausgebucht. So verhält es sich auch mit Buchungen in der Adventszeit, denn der Erfurter Weihnachtsmarkt zieht ebenso Menschen aus allen Regionen Deutschlands und der Welt an! Wer es beschaulicher und ruhiger mag, der meide diese Zeiten und schaue sich in der Stiftsgasse und den Weg entlang der Gera hinter dem Domberg um.

Auch das an den Domplatz angrenzende farbenfrohe Andreasviertel mit seinen kleinen, bunten und zum Teil überraschend geschmückten Häusern lädt jederzeit den Neugierigen zu einem Spaziergang ein. Es war zu DDR-Zeiten das Quartier der Freigeister und hätte die Neuzeit fast nicht erlebt.

Wir haben uns entschieden, am Abend nicht das Weinfest auf dem Domplatz zu besuchen sondern auf der Terrasse des Restaurants "Glashütte" auf der einmaligen Stadtfestung Petersberg das ganze Szenario während des Sonnenuntergangs von oben zu betrachten. Das können wir auch jenen nur empfehlen, die sich nachmittags der glor- und wechselreichen Geschichte der Festung Petersberg gewidmet haben und den Tag bei einem Glas Wein ausklingen lassen möchten. Ich bin selbst bereits einmal auf dem Panoramaweg der Zitadelle um diese herum gelaufen und resümiere: es lohnt sich. Die Ausblicke von dort oben und von der ehemaligen Cyriaksburg im EGA-Park weit in das Thüringer Land sind unvergesslich! Die Aufstiege für manche Leute allerdings auch ...

Petersberg, Dom, Krämerbrücke ... das ist noch längst nicht alles, was Erfurt zu bieten hat! Das Gebiet rund um das neugotische Rathaus & den Fischmarkt, die alte Waagegasse mit der kulturellen Seele der Stadt, dem Speicher, das Anger- und das Puppenstubenmuseum, die vielen Kabaretts - ob Puffbohne, Lachgeschoss oder Arche - Travestieshow, das jüdische Ritualbad "Mikwe" und die Alte Synagoge, bau- und kulturhistorische Highlights und das Maislabyrinth... um Erfurt wirklich zu erforschen und in seinen vielen Facetten kennen zu lernen, muss man wiederkommen! Schon der EGA-Park, welchen ich wahrend meines letzten Aufenthaltes besucht habe, würde wieder einen ganz neuen Blog füllen können. Zur Zeit wird er allerdings auf die BUGA 2021 vorbereitet - genau wie viele andere Plätze in und um Erfurt. Deshalb muss mit Bauarbeiten rings um den unglaublich schönen Japanischen Garten und auch sonst im EGA-Park gerechnet werden und die Wendelschnecke zur Aussichtsplattform auf der alten Cyriaksburg ist gesperrt.

Wer sich wie wir in aller Ruhe von Erfurt verabschieden und noch einmal entlang der beschaulichen und malerischen Gassen bewegen möchte, kann mit meinen letzten Fotos Eindrücke sammeln und vielleicht für sich selbst umsetzen. Ich empfehle, die Krämerbrücke linksseitig über die kleine Treppe noch vor der Schokoladenmanufaktur Goldhelm zu verlassen und zwischen Gera und dem Hotel Krämerbrücke in Richtung Augustiner am Dämmchen zu laufen. Man durchquert eine kleine, romatisch verträumte Wohnanlage auf dem Privatweg und passiert die Gera, welche auch hier von einem historischen, die Häuser verbindenden überdachten Holzbrückchen gekrönt wird.

Entlang der Schild-, Comthur- und Kirchgasse - dem Strassendreieck, welches das Augustinerkloster mit anliegendem Rosengarten einschliesst - kann der Erfurtbesucher sich wie im historische Städtchen fühlen. Erfurt hat es (aus meiner Sicht) sehr sensibel umgesetzt, daß Lücken in alten Stadtquartieren mit Neubebauung gefüllt wurden.

 

Wir entschieden uns allerdings, den Spaziergang noch einmal in Richtung Allerheiligengasse und Kulturhof Krönbacken fortzusetzen, die Michaekisstrasse mit ihren diversen Bars und Restaurants entlang zu bummeln und Adam Ries bronzenen Rechenschieber vor dem Haus zum Schwarzen Horn ein letztes Mal respektlos "mit Füßen zu treten" ... im bildlichen Sinn natürlich. Seine Leistungen als Steilvorlage der modernen Mathematik wird wohl niemand unterschätzen wollen! Genau so wenig wie die vielen Studenten, die bereits im Mittelalter an den diversen Schulen und Universitäten der Thüringer Landeshauptstadt ihre Spuren in den Steinstufen hinterließen.

 

Als letzte "Amtshandlung" in Erfurt genossen wir noch einmal die Gegend um Kreuzsand & jüdischen Mikwe, wo sich im Übrigen der Sandmann von seinem abendlichen Dienst gegenüber des Eiscafés auf einer sonnigen Bank ausruht (beliebter Picture Point für Jung & Alt). Hier die Abschiedsfotos und ein letzter Tip an lle, die diesen Bericht genbiessen konnten: Immer schön neugierig auf die Welt bleiben, denn jede Reise ist ein wie ein eigenständiges Wesen! Keine gleicht der anderen.

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